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Gechichte

Ein Großer Tag Aus

Die Besatzung des Steckwursthauses in Blasegast hat sich einen Ausflug vorgenommen. Nach Blasegast, ins Gofthe-Museum. Man zieht die Fahrräder aus dem Nebengelass, versucht, den unbefriedigenden Reifendruck mittels physischer Gewalt zu erhöhen, Schläuche platzen, werden instandgesetzt, Rufe ertönen. Der erste Tag geht ins Land und wird mit einer Pre-Day-Out-Party verabschiedet.

Schrudel hat den alten Wasserwagen im Keller gefunden. Dieser ist im wesentlichen gekennzeichnet durch ein verzinktes Fass mit einem Zapfhahn unten und einem Einfüllstutzen oben, der aussieht wie der Deckel eines alten russischen Panzerwagens. Unwillkürlich nimmt man an, dass Lenin gleich der Luke entsteigen und eine flammende Rede halten wird.

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Der Eingangsbereich des Gofthe-Museums genügt modernsten Sicherheitsanforderungen.

Das Fass ruht auf einem großteils hölzernen Gestell mit Rädern, die Räder tragen elegante eiserne Radreifen wie der ICE respektive der Eiserne Heinrich vom Froschkönig um die Brust. Aber alle hoffen, dass diese Radreifen nicht zerspringen. Denn eben hat Getränkehändler Adolf Nitzsche aus Machern ("Man muss nur machern!") den Wagen befüllt mit "blondem Gold". Und mit Rabatt, denn er hatte ausnahmsweise mal keine Handgreiflichkeiten auszufechten wegen vermeintlich falsch berechneten Pflaschenpfandes.

Soll der Wagen in Gang gesetzt werden, ist eine Deichsel zu benutzen, die oben in einem kleinen Holzkreuz ausläuft, und das ist die Aufgabe des folgenden Tages. Aufgrund seiner genetischen Disposition (Treue bis zum Tod) wird erwartungsgemäß Koko, der Dackel, den alle nur Schaboffski nennen, an den Wagen gebunden. Lustig knallen die Räder auf dem Blasegaster Pflaster, Schaum quillt aus der Luke und gischtet im Fahrtwind. Die furchtsamen Menschen hinter den Gardinen meinen, eine Dampfmaschine zu erblicken, kein Wunder bei den Urlaubsbenzinpreisen!

Schrudel, Oma Steckwurst und Gisella (dramatisch vornübergebeugte 26) benutzen Damenräder mit vollständiger Beleuchtung, Gepäckträgern, die ihrer Aufgabe alle Ehre machen, Rücktritt und schiefstehender Lenkstange. Klempner Patzschke ist wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage zu Hause geblieben. Gelegentlich stellen sich alle mitten auf den Weg, um über die Route zu diskutieren, den Lenker von Schrudel richten zu lassen, was nicht gelingt, einen Imbiss aus dem "Wasserwagen" zu nehmen oder am Schutzblech rumzufummeln.

Ist ein Volk überlebensfähig, dessen Angehörige nicht in der Lage sind, Fahrräder zügig und elegant in Fahrt zu halten?

Irgendwann erscheint der Pulk doch noch am Ziel. Das Gofthe-Museum ist rings umgeben von einem imposanten Park, in dem früher Amazonen umhertollen mussten, Herrn Gofthe zur Freude, denn er war ein Schöngeist. Allerdings streitet die Wissenschaft, ob Gofthe in diesem Haus wirklich lebte, und ob dies länger als für eine Mahlzeit war. Denn Gofthe sammelte Immobilien wie andere Leute Immobilien! Schrudel, mittlerweile mit den Damen und einem während der Reise fast verendeten Koko im Park beim Picknick zugange, beginnt mit dem Löffel zu graben, um Beweise zu finden. Aber er findet nur ekliges Zeug, Artefakte, Aktien, Autobiographien sowie Dinge, die Menschen in Call-Centern aufsetzen.

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Schrudel bleibt selbst vor dem Gofthe-Schrein seltsam unbeteiligt.

Als die Happy Hour des Museums beginnt, strömt die kleine Fahrgemeinschaft durch das Eingangstor, die Finger noch in den Zähnen. Das Gebäude ist durchflutet von Licht und einem unermesslichen Gestank. Angeblich hat man Gofthe nach seinem vermeintlichen Tod nicht finden können und wohl aus purer Faulheit auch gar nicht gesucht. Lieber wurden Gerüchte gestreut, er wäre 1. gar nicht tot, hätte sich 2. in ein Huhn verwandelt, das 3. aus Versehen von der zu Gofthes Lebzeiten darbenden Haushälterin aufgegessen wurde, welche daraufhin zu dichten begann.

Die Reisenden zeigen sich besonders begeistert von den baulichen Maßnahmen der letzten Jahre, die dazu beigetragen haben, den westdeutschen Imperialismus finanziell empfindlich in die Knie zu zwingen: Gläserne Durchbrüche, Edelstahlgewitter und mongolischer Marmor kontrastieren aufs schönste mit aufwendig mumifizierten Gofthe-Reliquien und dem allgegenwärtigen Gofthekitsch, der in Myriaden von der Decke hängt und die Bürger zu sinnloser Geldausgabe verleiten soll.

Die Bürger allerdings geben sich lieber der Pest des 21. Jahrhunderts hin: dem sogenannten Fotografieren mit Digitalkameras. Seit auch die allerletzten Blasegaster/innen begriffen haben, dass man mit den Dingern genauso grässliche Fotos fertigen kann wie früher mit der Klassenfahrtplasteschnappe, dafür aber nichts bezahlen muss, weil man den Dreck später sowieso nicht auszudrucken in der Lage ist, beenden Sie diesen Satz bitte aus eigener Erfahrung.

Allein die Schrudelhausbewohner als Vertreter des guten Geschmacks vertrauen auf ihr visuelles Gedächtnis, meiden das Blitzgelichter und brechen in einem abgelegenen Zimmer des Gofthe-Museums durch den Fußboden. Zum Glück haben sie den Wasserwagen unter Gewaltanwendung ins Museum einschleppen können, denn wer weiß, wie lange sie in den Verliesen, die sie gerade vertikal passieren, ausharren müssen oder wer dort vielleicht nach Getränken verlangt.

Ende